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Laura

von Josefa Mayer-Proidl



Die Erde hatte die Wärme des Tages gespeichert. Laura setzte sich auf einen Stein nahe dem Fluss und genoss diese Wärme. Schaute hinüber an das andere Ufer bis die Gedanken sich festsaugten im Wasser. Im tiefgrünen Wasser. Bis die nächste Welle sie mitnahm. Immer wieder schickte sie ihre Sehnsüchte hinüber. Schloss die Augen. Verharrte hier viele Stunden. Tag für Tag. Der Fluss – eine Grenze für sie. Es quälte sie der Gedanke, warum nicht hinüber. Sie, über diese Grenze. Trostlos. Nur der Blick glitt über das Wasser. Jede Bewegung im Fluss fing diesen Blick. Nahm sie mit auf eine Reise. In ihr Innerstes. Diese Bewegung. Diese Unruhe, die vom Vorbeigleiten ausging und gleichzeitig beruhigend wirkte. Besonders schön, wenn die Sonne eintauchte in den grünen Fluss. Wenn die blutrote Scheibe im Horizont versank, bis nur mehr der Rand sichtbar war. Die Finsternis zurücklassend. Das schöne Gefühl, es war nicht das Ende. Morgen würde die Sonne wieder vom Fluss verzehrt werden. Ein träger Mond, manchmal ein Vollmond würde der Sonne nachfolgen. Jeden Tag. Bis ans Ende der Zeit. Immer wieder sendete Laura ihre Gedanken und Gefühle hinüber ans andere Ufer. Sie wusste, sie würde es nur erreichen, wenn ihr Leben ein Ende fand. Der Tod, sonst ein ungebetener Gast, sie würde ihn begrüßen. Dieses Ufer. Dieses andere Ufer. Der Ort ihrer Sehnsucht.


Sie verharrte, bis die Dämmerung sich über das Wasser legte und es finster wurde. Zuletzt lauschte sie dem Schreien der Vögel, dem Knacken der Bäume. Bis Stille einkehrte. Bis sie den​Fluss nicht mehr sehen konnte. Bis die Finsternis ihn aufgesaugt und ihre Gedanken und Sehnsüchte wieder zu ihr zurückkehrt waren. Sie sperrte sie ein, um sie am nächsten Morgen wieder gleiten zu lassen. Hinüber. Wie jeden Morgen. Seit vielen Jahren. Sie war allein hier. Einsam. Abseits vom Trubel und jeglicher Zivilisation. Zur Einsamkeit führt eine Tür, die nur von innen geöffnet werden kann. Sie aber hat nichtdie Kraft es zu tun. Manchmal, wenn der Mond durch die Wolken tropfte, brach sie aus mit ihren Gedanken. Ans andere Ufer. besucht sie den Friedhof der ungeborenen Kinder. Jenen, denen es ihre Mütter nicht vergönnt hatten zu spielen, zu singen, zu sein. Jetzt tanzten sie körperlos, geräuschlos über dem Fluss. Ihre Gedanken vom Wind zu Eisblumen verweht, schickte Laura hinüber auf ihre Gräber, auf das Grab ihres Kindes. Sie würde sie auch morgen wieder besuchen und auf das Wasser schauen bis die Stille aus dem Wald quellen und alle Hügel fluten würde, wie das Wasser bei einer Überschwemmung.


Manchmal blieb Ihr Blick am nächtlichen Himmel haften und verband eine unsichtbare Linie mit der Unendlichkeit. In ihren Gedanken tauchte dann ihre Kindheit auf. Wie sie damals die Falter beobachtete, die in der Dämmerung die Laterne im Garten umkreisten. Wie sie Angst vor der Finsternis hatte. Angst vor der Stille. Besonders wenn sie allein war. Und das war sie oft. Wenn sie nicht zu atmen wagte. Manchmal getraute sie sich nicht einmal den Speichel in ihrem Mund zu schlucken, um diese Stille nicht zu stören. Gleichzeitig hoffte sie, dass ein Lärm, ein Schrei diese Stille zertrümmern sollte. Damals in ihrer Kindheit kannte sie das Bild der „Schrei“ des berühmten Malers Munch noch nicht. Hatte sich aber den hilflosen Schrei in der Finsternis genau so vorgestellt, wie sie ihn später im Museum gesehen hatte. Überwältigt war sie vor dem Bild stehen geblieben. Sie hat diesen Augenblick nie vergessen.


Ihre Katze war ihr von der Hütte bis um Fluss gefolgt. Es war das einzige Tier das die Stille nicht störte. Während sie die ​Katze liebkoste, erinnerte sie sich wie sie als Kind den Himmel über sich wie einen dunklen Schirm mit Millionen von hellen Punkten empfunden hatte, die einmal heller, einmal dunkler leuchteten manchmal ineinander verschmolzen. Gern hatte sie einen Stern beobachtet, heller und größer als alle anderen. Die Milchstraße stellte sie sich als eine endlos lange Spur ausgeschütteter Milch mit vielen glänzenden Punkten vor. Wie ein Spinnennetz, das die fernen Welten in die Unendlichkeit versperrte. Einmal hatte sie einen Kometen gesehen, der sich vom Himmel loslöste und in Richtung Erde stürzte. Sie hatte Angst. Er war aber nie hier angekommen, sondern vorher erloschen.


Jetzt begann, wie beinahe jeden Abend der Wind am Fluss stärker zu blasen. Verwirbelte ihre Haare. Ihr wurde kühl und sie beschloss, zur Hütte zu gehen. Nicht aber, bevor sie noch einmal diesen wunderbaren Mond- und sternenbeschienenen Himmel betrachtet hatte. Die Katze auf ihrem Schoß schnurrte. Diese Stille ist nur mit einer Katze möglich. Mit einer beinahe lautlos schnurrenden Katze. Laura ging zurück zum Häuschen, das zwischen Fluss und Wald lag. Sein Dach war mit grünbraunem Moos bedeckt. Zwischen den morschen Holzbrettern konnte man in das Innere des kleinen Hauses sehen. Der verwitterte Balkon war von

einem alten Rosenstock überwachsen.


Sie zündete eine Laterne an und freute sich über diese üppig wachsenden Rosen. Wie schön, dachte sie und vergaß in diesem Augenblick ihr Traumhaus am anderen Ufer des Flusses, nahe dem Friedhof.


Viele Jahre war die Hütte unbewohnt gewesen, ehe Laura eingezogen war und sie hoffte nur, dass sich der Besitzer nicht eines Tages an sein Eigentum erinnern würde. Sie hauste hier in zwei Räumen. Einer Küche und einem Schlafzimmer. Ein alter Holzofen und einige ausgeschlagene Töpfe, ein Tisch und zwei morsche Sessel waren hier die einzige Einrichtung. Im ​Schlafzimmer gab es ein Bett. Es gab keine Matratze, aber einen mit Stroh gefüllten Sack. In der Ecke stand ein Schrank, in dem Laura ihre Habseligkeiten aufbewahrte. Keine Bilder, keine Zierde, kein Luxus. Kahlheit herrschte überall. In letzter Zeit nahm das Knarren in den alten Brettern in der Nacht zu. Wenn es nicht regnete und die Luft warm war, dann war das Liegen in diesem alten Bett trotzdem schön. Durch ein Loch in den verwitterten Brettern konnte sie den Sternenhimmel sehen.


Auch am nächsten Tag stieg über der Stille die Sonne auf und teilte die Welt in Schatten und Licht. Laura zog es wieder zum Wasser. Der Pfad, den sie täglich ging, verlor heute seine akkurate Linie und verzweigte sich in hunderte Tierspuren. Sie suchte wie jeden Tag die Fortsetzung des Weges. Egal welcher Spur sie folgte, sie endete immer am Fluss. Laura schaute wieder nach einer Furt aus. Fand aber keine. Es gab keine Fortsetzung des Weges am anderen Ufer. Wie jeden Morgen auch haftete ihr Blick auf dem Wasser. Sie stellte sich vor, wie sie nicht im, sondern am Wasser lief. Dabei kreisförmige Spuren hinter ließ. So wie Steine Wellen verursachen, wenn man sie in das Wasser wirft. Wie jeden Tag wieder hat sie plötzlich Lust loszulaufen. Durch den Fluss zu schwimmen.


Den Berg dort drüben. Dicht bewaldet. Sie will ihn roden. Abholzen. Auf seiner Spitze ein Haus bauen. Nein ein Schloss möchte sie besitzen. Ein großes, aus rosa Marmor. So rosa wie die Häuser in Tiflis sind. Mit vielen kleinen und großen Türmen. Wand für Wand begann sie zu bauen. Dach für Dach, Fenster für Fenster. Die Dächer bemalt sie in bunten Farben. Rot, gelb, blau und grün. Alle Turmspitzen vergoldet sie. Einen großen Balkon, von dem aus sie den Fluss sehen konnte umrankt sie mit gelben Teerosen. Auf weißen Polstermöbeln liegen pinkfarbene Pölster. Einen Garten bepflanzt sie mit herrlichen Sonnenblumen, Flieder, Akelei und Ginster. Es wird ein herrlicher Garten, in dem nur der Horizont die Barriere bildet.​ Einen Ort für alle Kinder, mit viel Platz für ihre Spiele und Träume.


Der Weg wird immer enger und schwieriger. Die Bäume sind schlank und hoch und beugen ihre Äste unterwürfig zu Boden. Der Fluss wird immer breiter und das gegenüberliegende Ufer kaum noch erkennbar. Die königliche Ruhe wird vom schrillen Schrei eines Vogels unterbrochen. Laura hat Angst. Ihr Herz fängt an schneller zu schlagen, während sie in Richtung Wasser steigt.


Pst, flüstert sie.

Pst, ich bin da.

Es wird alles gut mein Kind.