top of page

Wenn Sie selbst einen Beitrag im Forum veröffentlichen wollen, senden Sie uns diesen bitte per Mail an office@kremser-literaturforum.at

  • Autorenbild: Silvia Edinger
    Silvia Edinger
  • 21. Juni 2024

Wenn spitze Schreie aus Richtung des Schrotkastens kamen, konnten wir sicher sein, dass meine Großmutter eine Begegnung mit Mäusen hatte. Großmutter war nicht schreckhaft, aber der Anblick der kleinen Nager beim Öffnen des Deckels entlockte ihr jedes Mal schrille Töne.


Die Erinnerung an diese Szene kam mir letztens, als ich die Lade der Brotschneidemaschine öffnete und ein graubrauner Schwanz im Hintersten der Lade das Weite suchte. Ich war so perplex und geschockt, dass ich laut kreischte.


 Deshalb war unser Kater Heartbreaker wohl so interessiert in der Küche gestanden. Ich hatte seine freudigen Signale nicht gedeutet, dass er mir eine Freude machen wollte und die Maus hereingebracht hatte.

Zufrieden über seine eigene Heldentat rollte er sich auf seinem Lieblingsplatz zusammen und überließ mich meinem Mäuseschicksal.


Was sollte ich tun?? Meinen Mann anrufen, damit er eine Mausefalle aus dem Jagdhaus mitnähme? Ich lenkte mich mit Blumengießen ab, rief an, um meinem im Revier befindlichen Gatten die Kunde von der Maus zu überbringen und die Mausfalle zu ordern.


Als ich wieder in die Küche ging, raschelte es im Papierkorb.


Ich erstarrte: was sollte ich tun? Es knisterte und raschelte weiter.

Beherzt schnappte ich das große Schneidbrett vom Regal und verschloss damit die Oberseite des Papierkorbs. Geschafft.


Gott sei Dank hörte ich das Öffnen des Garagentores. Mein Mann war aus dem Revier zurück. Stolz erzählte ich von meiner Spontanaktion. Gemeinsam beförderten wir den Papierkorb samt brisantem Inhalt auf den Parkplatz. Holzbrett weg. Nichts passierte. Papierreste und Abfall kugelten heraus. Mein Mann trug nun den Papierkorb zur Restmülltonne. Bevor aller Unrat in der Tonne verschwand, sprang die Maus heraus und suchte sich den Weg unter der Wand des Carports ins Freie, in den Garten......Ich war erleichtert, doch die Befürchtung blieb: würde Heartbreaker sie wieder für mich fangen? Ich hoffe nicht.

Über die Autorin

Silvia Edinger

40 Jahre Lehrtätigkeit, seit 2010 freiberufliche Tätigkeit mit Atelier und Malschule. Verbindung zu Krems durch die Herkunftsfamilie und autobiografisches Schreiben. "Ich möchte schreibend mein Leben nach rückwärts verstehen und vorwärts leben."


  • Autorenbild: Silvia Edinger
    Silvia Edinger
  • 21. Juni 2024

Seit mein Mann in Pension ist, hat er seine Liebe zum Gärtnern entdeckt. Er hätschelt seine Tomatenstaude , verfolgt ihr Wachstum regelmäßig und freut sich an jedem neuen Trieb.


Eines sonnigen Tages kam jedoch ein verzweifelter Ruf aus Richtung Glashaus: “Schau, meine Paradeiser haben Mehltau“. Er stand betroffen vor der mit hellem Staub bedeckten Pflanze und schickte sich an, den telefonischen Rat seiner Gartenberaterin Bettina einzuholen.


Er wollte schon ein Foto mit dem Handy machen, um es Bettina zur Begutachtung zu senden, als ich hinzu kam und die Situation sofort analysierte: Fenstertausch gestern- das musste Schleifmehl sein...


Erleichtert machte sich der Neo- Biogärtner daran, den Holzstaub zu entfernen...

Über die Autorin

Silvia Edinger

40 Jahre Lehrtätigkeit, seit 2010 freiberufliche Tätigkeit mit Atelier und Malschule. Verbindung zu Krems durch die Herkunftsfamilie und autobiografisches Schreiben. "Ich möchte schreibend mein Leben nach rückwärts verstehen und vorwärts leben."


  • Autorenbild: Silvia Edinger
    Silvia Edinger
  • 18. Nov. 2022

Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, dass heuer ein Brief von ihr kommen würde. Immerhin hatte sie im November den siebenundneunzigsten Geburtstag gehabt. Nach dem Tod meiner Mutter hatte ich die lange Freundschaft der beiden Frauen brieflich fortgesetzt und jedes Jahr einen Bericht über die Vorkommnisse in der alten Heimat auf die ungewisse Reise geschickt, nicht wissend, ob wieder Antwort folgen würde … Meine Mutter hatte "Tante Lore", wie wir sie nannten, im Volksschulalter kennengelernt. Sie war mit ihren Eltern im Kremstal auf Sommerfrische, der Kargheit der Wienerstadt zu Kriegszeiten zu entfliehen und bei den Bauern durch Mithilfe und Essensspenden besser über die Runden zu kommen. Die beiden Mädchen freundeten sich an. Meine Mutter stand im krassen Gegensatz zu Tante Lore, sie war von schwerem Körperbau, während Lore die Figur einer Tänzerin schon in die Wiege gelegt bekam. Lore nannte meine Mutter immer liebevoll “Radieschen”. Als Lore Tänzerin an der Staatsoper wurde, riss der Kontakt trotz allem nicht ab. Briefwechsel und Besuche hielten uns immer auf dem Laufenden.

Es war ein turbulentes Leben. Während meine Mutter bürgerlich heiratete und in Krems das Leben einer Hausfrau und Mutter führte, heiratete Tante Lore einen Ungarn, von dem sie sich nach kurzer Zeit scheiden ließ. Sie lernte einen reichen Amerikaner kennen, den wir bei den raren Besuchen “Onkel Chuck” nannten. Er war Spezialist für Flughafen-Installationen und damals in Saigon stationiert. Lore unterrichtete dort Diplomatenkinder im klassischen Tanz. Ich erinnere mich an ihren Besuch bei meiner Mutter. Lore mit immer gleich gefärbten Haaren in Hennarot, ein korallenfarbiger Lippenstift, der nach jedem Essen aufgefrischt wurde. In den folgenden Jahren kam Lore nach Wien, um sich liften zu lassen. Sie vertraute der Wiener Chirurgie mehr als der in Amerika. Immer noch schlank und rank und mit glattem, fast puppenhaften Gesicht. All die Jahre konnten wir durch die ausführlichen Briefe den Lebensweg der Wahltante verfolgen. Als Onkel Chuck starb, wurde seine Asche in den Ozean gestreut und bald lernte Lore einen Witwer namens Whittaker kennen, der sie ebenso vergötterte wie Onkel Chuck zuvor. Es kamen Bilder von eleganten Partys in Clubs mit der strahlenden faltenfreien Lore darauf. Auch der letzte Ehemann ließ Lore zurück und so ab dem neunzigsten Geburtstag begann ich um die Antwortbriefe zu bangen …

„Ich bin noch immer da …”, so begann der heurige Brief, eine Seite lang, fast fehlerfrei - nur mit wenigen Ausnahmen in einer englischen Satzstellung. Sie, die fast siebzig Jahre in Amerika lebte, in ihrer Muttersprache Deutsch noch immer sattelfest. Im Schlusssatz dann der Hinweis, dass sie nicht wisse, ob sie nächstes Jahr noch schreiben könne … Ich bin wirklich beeindruckt von Tante Lore und auch dankbar, die Freundschaft meiner Mutter fortführen zu dürfen. Vielleicht kommt nächstes Jahr noch ein Brief - ich lasse es euch wissen.

Über die Autorin

Silvia Edinger

40 Jahre Lehrtätigkeit, seit 2010 freiberufliche Tätigkeit mit Atelier und Malschule. Verbindung zu Krems durch die Herkunftsfamilie und autobiografisches Schreiben. "Ich möchte schreibend mein Leben nach rückwärts verstehen und vorwärts leben."


bottom of page