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von Maria Schiffinger



Ich lebe in einem Glasgeschäft. Das bedeutet, dass ich nicht nur dort arbeite, sondern dass ich mich davor hüten muss, dass mich der Gedanke daran nicht zur Gänze ausfüllt. In der Wohnung über dem Glasgeschäft bin ich geboren, mit dem Geruch der Holzwolle, in der die Glastafeln verpackt, angeliefert wurden, bin ich aufgewachsen. Immer war das Geschäft wie ein Glasofen, der die zentrale Mitte der Familie einnahm und mit dem man wie mit glühenden und wärmend pulsierenden Glasfäden verbunden war, auch wenn man sich weit weg befand. Das andere Wesen des Glases lernte ich kennen, als mich das Glas wie eine Wand einfing, als auf der anderen Seite der großen gläsernen Auslagenscheiben das Leben vorbeizuziehen schien.


Doch ich möchte eigentlich von einer Eigenschaft berichten, die uns allen, die wir in diesem Glasgeschäft arbeiten, eigen ist. Fast alles, was sich in dem Geschäft befindet, was „herumsteht“, im Licht glänzt, sich kühl angreift und glatt ist, ist zerbrechlich. Es ist damit dem Augenblick ausgeliefert. Wie schnell hat es eine unbedachte Hand umgestoßen. Unser Geschäft ist vollgefüllt mit Waren, die zerbrechen können. Und so kommt es, dass des Öfteren gefragt wird: Da geht wohl viel kaputt, da zerbricht doch viel? Lächelnd wehren wir ab oder wir nicken, weil wir es den anderen recht machten wollen. Nur im Scherz verraten wir unser Geheimnis, das, weil es dann offen liegt und so unwahrscheinlich klingt, ebenso wenig geglaubt wird, als wenn wir es verheimlichen: Wir zerbrechen nichts. Der glatte Scherben des Porzellantellers, die poröse Oberfläche des Keramikbruchstücks, der gesplitterte Stil eines Weinglases – das alles befindet sich in den Händen der Kunden. Sie tragen uns die Bruchstücke zu, hilfesuchend, das fehlende Stücke zum Porzellanservice verlangend, darauf hoffend, dass der Fehler ungeschehen gemacht wird. Könnten wir dann diese Hilfe geben, wenn auch wir unachtsam sind? Wird etwas Neues gekauft, stellen wir die Mustergläser auf das Verkaufspult. Starr und steif scheinen sie dazustehen, die Menschen schon von vornherein einschüchternd. Dann ist es dann unsere Aufgabe, ihnen die Angst vor diesen zerbrechlichen Gegenständen zu nehmen. Wie können sich die Gläser wiegen wie durchsichtige Tulpen, schon bereit Wein und gute Worte aufzunehmen. Wie vibrieren die Kelche, wenn man sie aneinanderschlägt und sie dann ans Ohr hält. Es ist wie ein Summen und Singen, zitternd und zugleich zutraulich in ihrer unmerklichen Elastizität. Würde man uns glauben, wenn wir da etwas zerbrächen? Wenn man da stünde, mit dem starren Bruchstück, das nun verstummt ist, nur mehr ein Scherben, könnte man den Ansprüchen genügen, die die heile Welt fordert? Könnten wir dann von etwas behaupten, dass es das immer geben wird?


Obwohl wir mit unserer Eigenschaft etwas Nützliches tun, reden wir nicht gerne von ihr. Nur selten verrät uns ein Blick, den wir sogleich durch Taten abschwächen. Ich weiß nicht, was jetzt geschieht, da dies einmal ausgesprochen wird. Aber ich hoffe doch, dass sich die Magie gegen ein paar kümmerlich niedergeschriebene Worte durchsetzen kann. Außerdem ist etwas passiert, das diese Eigenschaft in einem für mich anderen Licht erscheinen lässt. Ja, ich weiß nicht, ob ich sie überhaupt noch für mich in Anspruch nehmen kann. Als ich diese Glastafel zerbrochen habe, geschah dies nicht mit Absicht. Doch je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zur Ansicht, dass ein unbestimmtes Wollen dahinter gestanden war. Hätte ich nicht wissen müssen, dass die Tafel zu rutschen beginnt, wenn man die Unterkonstruktion bewegt. Warum habe ich sie nicht vorher weggehoben? Warum habe ich sie nicht gesichert, warum nicht beiseite gestellt? Mit Schreck und doch einer gewissen Faszination habe ich zugesehen, wie die Glastafel zu rutschen begann, wie sie ein letztes Mal aufgeglänzt hat, wie schön poliert die Kanten, blitzschnell dazu der Gedanke, in Kürze bereits Erinnerung, an die vielen Vasen und Teller die sie getragen hat, wie sie dann langsam und wie sie, diesen letzten Gang auskostend, von nicht sehr hoher Distanz auf den Boden der Auslage fiel und dort in mehrere Stücke zerbrach. Die erste Reaktion war aber nicht „Scham und Schande“ gewesen, wie ich zu glauben meinte, sondern Genugtuung, ja fast verspürte ich eine heimliche Freude. Es war als wenn es einem gelungen wäre, eine Form zu zerbrechen, um an den Inhalt heranzukommen. Die Bruchstücke glänzten an ihren Kanten in einer flaschengrünen, muschelförmigen Schönheit, die an Meerwasser und dessen Bewegung erinnerte.


Seitdem kommt als mir vor als wären die großen Auslagenscheiben, mit der die Vorderfront des Geschäftes verglast ist, durchlässig geworden, ja manchmal meint man sogar sie wären gar nicht mehr vorhanden. An manchen Tagen aber gehe ich in die an das Geschäft angrenzende Glaserei. Dort werden aus den Holzfenstern die beschädigten Fenstertafeln ausgeglast, der alte Kitt ausgehauen und neue Tafeln in frischen Kitt gelegt. Da werden dann die Glas- und Spiegelreste in einen großen eisernen Abfallkübel geworfen, wo sie mit einem lauten Geräusch, einem plötzlichen klirrenden Knall, der aus der Berührung des spröden Glases mit dem harten Stahl resultiert, in tausend Stücke zersplittern.


von Michaela Lipp

Einsamkeit

Du hast keine Zähne, aber du nagst an mir. An meinen Nerven

Du hast keine Hände, aber du greifst nach mir

Du hast keine Augen, aber du findest mich immer. Auch im Dunklen

Du hast kein Radar, aber ich kann mich nirgendwo vor dir verbergen

Du hast keine Ohren, aber du hörst mein noch so leises Klagen

Ich mag dich nicht

Zweisamkeit

Ich beiße mich fest an dich

Ich klammere mich an dich

Ich sehe dich

Ich orte dich

Ich höre dich

Ich fühle dich

Ich brauche dich

Ich liebe dich!

  • Admin

von Michael Klaus Miller

Dürnstein

Ich war noch weit entfernt

und die Höhen schienen mir unerreichbar,

Ermüdung ließ mich innehalten und ich nahm

auf einer Bank Platz, die mir einen Ausblick auf das Kremstal

gewährte und die Donau, die noch so floß wie

vor tausenden von Jahren, sich langsam hinzog wie

ein schönes Band, das, von Weinbergen umgeben,

eine friedliche Unterbrechung der Landschaft bot,

ein blauer Strom, so alt, dass man die Jahre nicht abschätzen

konnte, auch die Römer hatten von "Danuvius" gesprochen und den

Wein genossen, der hier wächst, der Dichter Klopstock fiel mir ein, der

Wein und Frauen miteinander verglichen hatte, und der Sänger Blondel,

der in Dürnstein seinen König Richard Löwenherz gefunden hatte, so

blieb ich sitzen und ließ mir von der Vergangenheit erzählen.