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Winter

Lyrik von Michael Klaus Miller



Winterlich

Das künstliche Licht bewirkt mit der aufgerauhten Oberfläche die mattkalte, mitunter

bröselige wirkende Körnung des Weges. Es ist kalt, doch der Mond wärmt jeden einzelnen

Blick über dem Platz auf. Die Nadeln der Fichten bilden zarte Eisvorhänge aus. Einzelne

Schneetürme, die der Wind angeweht hat, drängt das Eis auseinander. Manchmal hört man ein leises „Fhhh“, das von den Schneetürmen stammt.


Der Spazierende, der zu dieser Zeit eine kleine Reise in die Welt des Zaubers unternimmt,

kann diesem leicht unterliegen und nicht zurückkehren wollen. Man würde ihn suchen, ihn

auch finden, irgendwo auf einem Baumstrunk sitzend, mit der Natur plaudernd, nicht wissend,

dass er in Gefahr wäre, hier einzuschlafen.


Eine Dohle scharrt unter einem mit Schnee bedeckten Laubhaufen einige kleine Nüsse hervor,

lässt sie beblättert und steigt zu dem nächst gelegenen höheren Ast auf. Die Nuss fällt beim

ersten Hämmern der Dohle, die ihren spitzen Schnabel in die Nuss zu treiben vermöchte, zu

Boden.


Es wird weiter Abend. Es wird noch tiefer Nacht, bevor der erste Morgenstrahl die unheimlich

gewordene Leere durchbricht. Schön wird die Piste, denkt sich der Frühaufsteher. Der Wald

nimmt menschliche Formen an, der bläuliche Streif, der von den Wolken ausgeht, legt seine

Arme langsam auch auf die umliegenden Hänge.

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